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Die Explosion der Kriegsmunition am 15. Juni 1945

Mit dem Einmarsch der Amerikaner am 11. April und dem totalen Zusammenbruch Anfang Mai war auch in Attendorn der Zweite Weltkrieg beendet. So begann noch im April das große Aufräumen, wobei immer noch zahlreiche Leichen unter den Trümmern entdeckt wurden.


Das größte Problem aber war die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln. Erst etliche Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner war es erst wieder möglich, an jeden Einwohner ein halbes Pfund Brot abzugeben. So versuchten die Menschen, sich auf den umliegenden Bauernhöfen etwas Nahrung zu erbetteln, leider meistens ohne Erfolg. Auch die Bemühungen des Stadtkommandanten und des Bürgermeisters waren oft nur unzureichend, da die Not im Lande überall riesengroß und Nahrungsmittel nur sehr schwer zu beschaffen waren.1)

Trotzdem war der Krieg in Attendorn noch nicht zu Ende. So hatten die Alliierten – die Amerikaner waren am 12. Mai von den Engländern abgelöst worden – befohlen, alle Munitionsreste, die in Attendorn und Umgebung gefunden wurden, am Rathaus abzugeben und im Keller des sogenannten „Kreuzbündnis“, dem Verbindungsbau zwischen ehemaligem Gymnasium und Franziskanerkirche, einzulagern, „um Unglücksfälle durch spielende Kinder oder bei der Feldarbeit zu vermeiden.“ 2) 

Der neu eingesetzte Polizeichef Karl Godo erkannte schon recht bald die Gefahr, die von der eingelagerten Kriegsmunition ausging. Die von ihm vorgeschlagenen alternativen Lagerungsorte wurden aber durch die Militärs nicht genehmigt, da ihrer Meinung nach nur im Rathaus die Möglichkeit einer ununterbrochenen Beaufsichtigung gewährleistet war. So nahm die Menge der eingelagerten Munition ständig zu, obwohl Godo immer wieder deren Abtransport anmahnte. Die Besatzungstruppen hatten Paul Scholz mit der Entschärfung, Transportsicherung und Einlagerung der Munition beauftragt; leider wurde auch oftmals Munition in den Keller gebracht, ohne den fachmännischen Rat von Paul Scholz einzuholen.3)

Nach Angaben von Scholz lagerten am 15. Juni in den Kellerräumen unter dem Ernährungsamt ca. 400 Spreng- und Panzergranaten 8,8 cm, ca. 100 Spreng- und Panzergranaten 15 und 17 cm, 40 Kisten 2 cm-Flakgranaten, 10-15 Kisten Wurfgranaten von 1 ½ - 2 kg, 25 kg Sprengladung, ca. 50 Nebelkerzen, ca. 30 Nebelgranaten von 8,8 – 17 cm, 100 Pakete Infanteriemunition, ca. 40 kleine 2 kg-Fliegerbomben, ca. 400 Pakete Sprengkapseln 38, ca. 20 Kisten Handgranaten, 10 oder 12 amerikanische Eierhandgranaten und ca. 10 amerikanische Wurfgranaten. Insgesamt sprach Scholz von einer Gesamtmenge von ungefähr 4-5 Tonnen Sprengstoff.4)

Das Unfassbare und dennoch eigentliche Vorhersehbare ereignete sich dann am 15. Juni 1945 etwa um 10.30 Uhr: Die gesamte eingelagerte Kriegsmunition explodierte und riss 35 Menschen, die auf dem Klosterplatz auf die Ausgabe ihrer Lebensmittelkarten warteten, in den Tod. 19 weitere Menschen wurden teils lebensgefährlich verletzt.5)

Trotz einer sofort eingeleiteten Untersuchung wurden die Ursachen dieser Katastrophe nie aufgeklärt. Als mögliche Ursachen wurden angegeben 1) eine mögliche Entzündung der Treibladungen der Panzerfäuste, da diese ins Rutschen gekommen sein könnten, 2) die Einlagerung der 40 Fliegerbomben, die eventuell nicht ordnungsgemäß entschärft worden waren, 3) Rache- oder Terrorakte von Ausländern, die ebenfalls nicht auszuschließen waren, 4) sowie einige mechanische Ursachen (z.B. Selbstentzündung), die zur Detonation des Sprengstoffes geführt haben könnten. Auch das Rauchen einer Zigarette durch einen Wachmann wurde nicht ausgeschlossen.6)

Die Staatsanwaltschaft erhob gegen die Verantwortlichen Polizeichef Karl Godo und der Munitionsfachmann Paul Scholz Anklage wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung. Beide Angeklagten wurden am 19.11.1946 freigesprochen, da alle möglichen Ursachen letztlich Spekulation blieben und für eine Verurteilung nicht ausreichten.7)

Bild vergrößern: Gebäudefassade mit einer Kirche im Hintergrund © Stadtarchiv Attendorn
Blick auf das alte Gymnasium, das sogenannte »Kreuzbündnis« und die Franziskanerkirche
um 1900.

Weitere Informationen zur Franziskanerkirche finden Sie im Historischen Stadtrundgang unter Franziskanerportal.

Quellen:

1) Stadtarchiv, Ratsprotokolle 1945.
2) Stadtarchiv, Ordner Unterlagen Attendorn 1945 – heute.
3) Entnommen dem Manuskript von Jari-Hermann Ernst: Attendorn, eine Stadt am
Ende des Krieges. Hamburg 1993.
4) Siehe Anm. 2.
5) Desgl.
6) Desgl.
7) Desgl.