Das Schicksal der Zwangsarbeiter
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs entstand in Deutschland ein bis dahin nicht dagewesener Mangel an Arbeitskräften. Damit nun aber vornehmlich die Lebensmittelversorgung und die Produktion kriegswichtiger Güter sichergestellt werden konnte, entschied sich die NS-Regierung, zunächst polnische Kriegsgefangene und Arbeiter nach Deutschland zu holen.
Später wurden auch Arbeiter anderer Nationaliäten rekrutiert, vor allem Russen und Franzosen. 1941 arbeiteten insgesamt 3 Millionen Fremdarbeiter innerhalb des Reiches. Im Januar 1942 wurden von den im November gemeldeten 1,58 Millionen Gefangenen noch 1.163.203 als lebend gemeldet – fast 400.000 waren also in diesen beiden Monaten, vorwiegend an Hunger und Entkräftung, gestorben.1)
Für Attendorn wurden am 15. April 1940 die ersten acht polnischen Gesindekräfte im Stammlager Soest abgeholt und auf bäuerliche Betriebe im Amt Attendorn verteilt.2) Gleichzeitig häuften sich die Anordnungen der NSDAP-Kreisleitung, in denen gegenüber den Polen zahlreiche Verbote ausgesprochen wurden. Diese betrafen den Besuch von Gaststätten ebenso wie das Verbot, in deutschen Geschäften einzukaufen.3)
Das Leben in den Lagern für Zivilarbeiter war streng durchorganisiert. Dem Lagerführer unterstanden je nach Belegungszahl eine Anzahl von Unterlagerführern. Sehr oft handelte es sich dabei um ältere, nicht mehr kriegsverwendungsfähige Männer, manche von ihnen waren vorher als Hausmeister oder ähnliches tätig gewesen. Die wichtigste Institution in einem Lager aber war die Küche, die von einer deutschen Kraft – in kleineren Lagern oft die Frau des Lagerführers – geleitet wurde. Ihr waren einige ausländische Köche und Küchenhilfen, in selteneren Fällen auch Deutsche zugeteilt. Die Lagerbewohner wurden durch „Sprecher“ oder „Lagerälteste“ vertreten, die manchmal gewählt, meist aber vom Lagerleiter bestimmt wurden und die Interessen der Bewohner gegenüber der Lagerleitung oder dem Betrieb wahrnehmen sollten. Sehr oft waren die Sprecher identisch mit den Dolmetschern, die schon aufgrund ihrer Sprachkenntnisse eine privilegierte Position einnahmen und in zahlreichen Fällen auch gleichzeitig V-Leute des Werkschutzes oder der Gestapo waren.4)
In der Folge gab es einen skrupellosen Betrug an den ausländischen Lagerbewohnern. Im Lageralltag regierte das Faustrecht; Misstrauen, Angst und Beutelschneiderei waren an der Tagesordnung. Die Fremdarbeiter hatten umso weniger Chancen, je tiefer sie auf der rassistischen Stufenleiter angesiedelt waren.5)
Auf dem Gebiet der Stadt Attendorn gab es bis zum Kriegsende 22 Lager, in denen 2.232 Fremdarbeiter hätten untergebracht werden können. Tatsächlich waren es aber 5.033, die unter menschenunwürdigsten Bedingungen untergebracht wurden. Hinzu kamen schwerste Misshandlungen, die fanatische Wachmänner vor allem an wehrlosen Frauen ausführten.6)
Am 22. Oktober 1945 verpflichtete sich die Stadt Attendorn, zukünftig auf ihre Kosten den russischen Friedhof zu pflegen. Hierzu wurde am 10. August 1946 ein Denkmal eingeweiht, das nach den Plänen des Stadtbaumeisters Stritter errichtet und durch die russische Militärregierung finanziert wurde. Das Denkmal und die Namenstafeln erinnern heute an 121 russische Staatsangehörige, die als Folge des Zweiten Weltkriegs hier ihre letzte Ruhestätte fanden. Von diesen 121 Opfern gehörten 56 Personen dem Militär an, 49 von ihnen waren Zwangsarbeiter und 16 Männer und Frauen verstarben in Sammellagern.7)
Auf dem katholischen Friedhof wurden außerdem 11 französische Zivilarbeiter bestattet.8)
Quellen:
1) Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in
der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches. Berlin, Bonn 1985. 3. Auflage 1999.
2) Stadtarchiv, Akte E 54.
3) Desgl.
4) Siehe Anm. 1.
5) Desgl.
6) Otto Höffer: Zwangsarbeiter in Attendorn. Vortragsmanuskript zum Vortrag auf
Burg Schnellenberg am 25.10.2001.
7) Stadtarchiv, Akte E 125.
8) Pfarrarchiv Attendorn, Friedhofsakten. – Stadtarchiv, Akte E 125.
9) Stadtarchiv, Akten E 21, E 91 und E 2213.