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Der Attendorner Karnevalszug am Dienstag bildete auch in diesem Jahre den Höhepunkt des Faschings. Er ist eine Tradition, die von der Karnevalsgesellschaft gepflegt wird und ein Werbemittel für unsere Stadt ist. Seit den frühen Morgenstunden herrschte in den Straßen ein reges Leben und Treiben und immer wieder kamen neue Massen, die sich bei dem herrlichen Frühlingswetter den Karnevalszug nicht entgehen lassen wollten. Man darf wohl ruhig sagen, dass Attendorn selten einen solch starken Fremdenzustrom zu verzeichnen gehabt hat.
Die Reichsbahn hatte den Zugverkehr bedeutend verstärkt und der Autobetrieb in den Straßen war oft beängstigend. Bis zum Himmelreich standen die nach Tausenden zählenden Zuschauer und bildeten Spalier. Gegen 11 Uhr begann die Auffahrt der Wagen auf der Finnentroperstraße; die Pünktlichkeit ließ zu wünschen übrig, wodurch auch die Abfahrt des Zuges erheblich verzögert wurde. Kurz nach 12 Uhr setzte er sich in Bewegung. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß der Karnevalszug 1930 nach der Idee „Es war einmal“ alle Erwartungen erfüllt hat. Die einzelnen Vereine und Gesellschaften hatten in dem Aufbau der Wagen gewetteifert und an Originalität fehlte es auch nicht. Drei Herolde zu Pferde, der erste mit dem Narrenbanner, eröffneten den Zug. Ihnen folgte der Wagen „Nobilis Landung am Nordpol“ und die Attendorner Musikkapelle, an der Spitze ihr prächtig kostümierter Leiter Hermann Roll. Der Wagen des Kegelklubs „Bahn frei“ gab uns ein Bild von einer alten Leinenweberei mit Webstuhl, Spinnrad usw. Sehr ansprechend war der Wagen des MGV Sauerlandia, der zu Füßen des Märchenkönigs die verschiedensten Märchen darstellte, während vorne ein altes Mütterchen den Kindern solche erzählte. Ein Stück Alt Attendorn taucht auf. Wir sehen den letzten Zichorienbrenner (Bellebaum) vor dem Pulverturm bei der Arbeit. Der Wagen „Kampf mit dem Drachen“ war, was Arbeit betrifft, eine große Leistung. Der Brieftaubenverein „Atta“ hatte durch eine Fußgruppe „Rotkäppchen“ und einen Wagen „Hänsel und Gretel“ sehr schön wiedergegeben. An dem reizenden Knusperhäuschen und der alten Hexe hatten die Kinder ihre helle Freude. Der Wagen „Ws war einmal der erste“, gestellt vom Logisbeamtenbund, trat dafür ein, daß jeden Samstag der Erste sei. Die alten Ziehungslieder erschallen und erinnern uns an die Vorkriegszeit. Der Attendorner Sportverein gibt auf einen Wagen die Generalmusterung wieder, während anschließend ein Trupp Ziehungsjungens mit Sträußchen am Hut und eine Fahne schwenkend die bekannten Lieder singen. Sehr originell war der Wagen des Turnvereins, das Dreschen mit Dreschflegeln darstellend. Wieder steigt ein Stück Vergangenheit vor uns auf: Das Kinderschützenfest, das früher stets auf Schnellenberg stattfand, ging dem Wagen der Bürgergesellschaft voraus. Wir sahen hierauf „Alt Schnellenberg“ mit seinem damaligen gemütlichen Wirtschaftsbetrieb. Eine alte Bäckerei stellte der Gesellenverein auf einem Wagen dar. Das gerade nicht appetitliche Herstellen des Brotteiges in früherer Zeit wurde da gezeigt. Auch die Ausgabe der Lebensmittel auf Karten in der Kriegszeit in der Speckschule, die dadurch diesen Namen bekommen hat, war sehr drastisch dargestellt. Jung-Valbert selbst fehlte nicht im Zuge und hatte durch eine Fußgruppe und einen wundervollen Wagen „Die heimattreuen Oermänner“ verkörpert. Dem Verlosungswagen folgten der geschmackvolle Wagen des Elferrats, die Feuerwehrkapelle, mit ihrem originellen Kapellmeister Josef Ante an der Spitze und der Wagen des Präsidenten. Und dann kam Se. Tollität Prinz Karneval Paul I. auf seinem prunkvollen Römerwagen. Eine Anzahl gediegener Fußgruppen und das Trommlerkorps Listerscheid belebten das ganze. Wenn der letzte Wagen vorbei war, schlossen sich sofort die Reihen der Zuschauer, die dann auf kürzestem Wege zur nächsten Stelle eilten, um den Zug noch mal an sich vorbeiziehen zu lassen. Nachdem sämtliche Wagen auf den Feuerteichplatz aufgefahren waren, fand hier die Verlosung der Würste und Rollschinken statt und dann löste sich der Zug auf. Sämtliche Wirtschaften und Cafes, deren Lokale auf das schönste geschmückt waren, waren am Nachmittag überfüllt, meist mit Fremden. Auch in den Straßen herrschte bis zur Abfahrt der Abendzüge Hochbetrieb. Ueberall hörte man nur eine Stimme des Lobes über den schönen und gut gelungenen Zug. Der Karneval 1930 ist gewesen. Prinz Karneval kann mit Stolz auf seine kurze Regierungszeit zurückblicken. Aber jetzt tritt wieder der Ernst des Lebens an uns heran, die täglichen Berufs- und Geschäftssorgen drängen sich wieder in den Vordergrund. – Herr Photograph Rottmann hat eine Anzahl Aufnahmen von dem Zuge hergestellt und sind Bilder dort erhältlich.