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Mittwoch, 23. Juni 2021
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Niederstes Tor

In der Hansestadt Attendorn gibt es vier historische Stadtportale. Hier stellen wir das Niederste Tor vor.

Hochwasserfluten und ein Märchenbrunnen

Die Niederste Straße führte, wie ihr Name schon sagt, zur tiefsten Stelle der Stadt, dem Niedersten Tor. Dieser Umstand brachte es bis in die jüngste Zeit mit sich, dass der Bereich um die Nieder­ste Straße jährlich mindestens einmal von Hochwas­serfluten überschwemmt wurde. Die schlimmsten Überflutungen sind uns aus den Jahren 1925, 1940 und 1965 überliefert; die letzte war 1984. Ende der 1920er Jahre versuchte man, den Überflutungen durch den Bau eines Pumpwerkes in der Hofestatt entgegenzutreten.

Der "Märchenbrunnen", wie er im Volksmund genannt wird, befindet sich auch heute noch an dieser Stelle und regelt den Grundwasser­spiegel in der Stadt. Sollten die Pumpen ausfallen, so würden binnen kurzer Zeit die Keller der Stadt voll Wasser laufen. Dieses Pumpwerk wird daher rund um die Uhr überwacht.

Neuordnung der Niedersten Straße

Auch für die Niederste Straße gilt, was für die Enne­ster Straße gesagt wurde: Wichtige öffentliche Ge­bäude wurden erst im Verlauf des vorigen Jahrhunderts hier angesiedelt, so das 1925/1926 errichtete Post­gebäude (heute Benediktiner-Wirtshaus). Die Post war vorher im Haus Niederste Straße 2 untergebracht, dem heutigen "Gasthaus".

Im Zuge des Wiederaufbaus der Stadt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges erfolgte auch im Bereich der Niedersten Straße eine Neuordnung der Fluchtlinien. In langen und komplizierten Ver­handlungen wurde versucht, eine Verbreiterung der Niedersten Straße durchzusetzen, um dem Fern­verkehr Finnentrop-Plettenberg Herr zu werden. So entstanden die meisten Häuser an der Niedersten Straße neu.

Über den Grafweg nach Heggen

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verlief der Weg nach Heggen nicht über die Finnentroper Straße, sondern über den Grafweg. Erst mit dem Neubau der Provinzialstraße zwischen Finnentrop und Mei­nerzhagen wurde auch die heutige Finnentroper Straße mit ihrem Alleecharakter angelegt.

Unmittelbar vor dem Niedersten Tor lag die Nieder­ste Mühle, die später im Fabrikgelände Isphording aufging.

Gammelpin am Niedersten Tor

Der Bahnhof, der mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecke Finnentrop-Attendorn am 1. April 1874 sei­ner Bestimmung übergeben wurde, war jahrzehnte­lang Dreh- und Angelpunkt des Tourismus in der Stadt. So liefen hier zahlreiche Sonderzüge ein, die insbesondere nach der Entdeckung der Attendorner Tropfsteinhöhle im Jahre 1907 die Ausflügler hierher brachte. Eine unmittelbare Konsequenz war deshalb auch die Errichtung des Hotels Kaiserhof direkt ge­genüber des Bahnhofes.

Das Niederste Tor wird heute durch den 1994 eröff­neten Kreisverkehr geprägt. Sein Zentrum ist die 1896 anlässlich der 25. Wiederkehr der Reichsgründung geschaffene Siegessäule. In den turbulenten 1960er Jahren mit den großen Stu­dentenunruhen in den Großstädten war diese Säule als "Gammelpin" bekannt; durch die Schaffung des Kreisverkehrs kam sie schließlich zu neuen Ehren.

Attendorn ist eine Engelbert-Stadt 

Als Erzbischof Engelbert I. von Köln 1222 Attendorn die Stadtrechte verlieh, erlaubte er gleichzeitig, die Stadt neu zu befestigen. Zahlreiche Engelbert-Städte im kurkölnischen Westfalen weisen einen identischen Bauplan auf, der sich im Attendorner Stadtgrundriss von heute seit 800 Jahren widerspiegelt. Attendorn besaß vier Stadttore die durch eine umlaufende Stadtmauer miteinander verbunden waren. Stadtauswärts war der Mauerring durch einen Wassergraben geschützt.

Der aus diesem Graben ausgeschachtete Boden war zu einem Wall aufgeschichtet worden. Somit war die Stadt durch einen dreifachen Befestigungsring mit Wall, Graben und Mauer gesichert. Als nach dem letzten großen Stadtbrand 1783 die mittelalterlichen Mauern keinen strategischen Schutz mehr boten, begann die Bürgerschaft, das Steinmaterial zum Wiederaufbau ihrer Häuser zu verwenden. Die Reste der einst stolzen Stadtbefestigung wurden 1812 abgetragen. Überreste sind heute nur noch Bieke- und Pulverturm sowie Fragmente des ehemaligen Kölner Tores.

Flohsiepen und Klein Holland

Wie es der Name schon sagt, befand sich das Niederste Tor an der tiefsten Stelle der Stadt. Das gesamte Oberflächenwasser floss bis zum Bau einer Kanalisation zum Niedersten Tor und von dort in das "Flohsiepen", einen künstlich angelegten Bachlauf entlang der Finnentroper Straße, von dort in den Mühlengraben, der unterhalb der Burg Schnellenberg in die Bigge mündete. Auf dem Stadtplan von 1810 sind deutlich die zahlreichen Wasseransammlungen im Bereich des Niedersten Tores noch zu sehen.

In diesem Zusammenhang zweigt von der unteren Niedersten Straße die Schemperstraße ab. Diese wurde seit den 1920er Jahren auch "Klein Holland" genannt. Diese Bezeichnung geht zurück auf den Karneval 1927, der das Hochwasser von 1925 thematisierte. Attendorner Originale hatten damals kleine Schiffchen gebaut und erinnerten somit an die Grachten von Amsterdam.

Marien-Bildstock überlebt 200 Jahre

Das mittelalterliche Niederste Tor war eine Doppeltoranlage, womit man bei der Einfahrt in die Stadt zunächst auf die Brücke des Stadtgrabens und dann mit Durchfahrung des zweiten Tores in die Stadt gelangte. Vor dem Außentor rechts ist ein kleiner Marien-Bildstock zu sehen, der heute noch, nach 200 Jahren, an gleicher Stelle am Haus Nordwall 1 angebracht ist. Teile des äußeren Stadttores wurden 1899 beim Bau des Hauses Nordwall 2 freigelegt. Daher wissen wir, dass die Ausfahrt früher nicht in die Finnentroper Straße, sondern in den Grafweg mündete.

Das Café-Bück-Dich und seine Bedeutung

Die kleingliedrige Bauweise in der Niedersten Straße ist ein Zeugnis des Wiederaufbaus der Stadt nach dem verheerenden Stadtbrand vom 13. Juli 1783. Damals brannten fast 260 Häuser ab. Die Häuser wurden danach im Erdgeschoss aus Bruchstein und im Obergeschoss mit Fachwerk errichtet. Fast jedes Haus hatte einen eigenen Brunnen; einer davon ist heute noch in der Unterführung des heutigen Volksbank-Gebäudes zu sehen.

Das Haus rechts im Bild wurde im Volksmund als "Café-Bück-Dich" bezeichnet und unterstrich damit die extrem niedrigen Räume des Hauses.

Der Sauerländer Dom

In der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte die Niederste Straße komplett ihr Gesicht. Die alte Bebauung, die größtenteils durch Kriegseinwirkungen zerstört worden war, wurde durch großzügige Neubauten ersetzt. Während man auf der linken Seite des Bildes noch die alten Häuser sieht, die teilweise noch mittelalterliche Gewölbekeller besaßen, wurde auf der rechten Seite ein modernes Wohn- und Geschäftshaus gebaut. Das Innenstadtentwicklungskonzept hat vor allem durch die gewollte Verkehrsberuhigung eine neue Aufenthaltsqualität geschaffen, die vor allem für die obere Niederste Straße eine entscheidende Verbesserung gebracht  hat.

Der Blick wird auf den "Sauerländer Dom" gelenkt. An dieser Stelle steht nachweislich seit 1200 Jahren die zentrale Kirche der Stadt. Der Turm stammt noch vom Vorgängerbau, der zur Verleihung der Stadtrechte 1222 errichtet wurde. Die Errichtung des daran angrenzenden gotischen Langhauses geht zurück auf eine Stiftung eines der reichsten Attendorner Hansekaufleute Robert von der Becke.

Das erste Postwärteramt in Attendorn 

Erstmals wurde 1817 in Attendorn ein eigenes "Postwärteramt" eingerichtet. Bis dahin hatten die Stadt Attendorn und der Freiherr von Fürstenberg einen regelmäßigen Botendienst nach Köln und Arnsberg eingerichtet. Weitere Postboten gingen täglich von Attendorn nach Bilstein, um wichtige Dienstpost zum Amtssitz des Drosten zu überbringen. Die ältesten namentlichen Erwähnungen heimischer Postboten finden sich im Archiv des Freiherrn von Fürstenberg-Herdringen, vor allem werden hier die Familien Joanvahrs und Laymann genannt.

Ab 1830 fuhr zweimal wöchentlich ein Postwagen von Meinerzhagen über Attendorn nach Plettenberg, 1842 wurde eine tägliche Fahrpostverbindung nach Bilstein und ab 1850 eine tägliche Personenpost von Attendorn nach Olpe eingerichtet. Zu diesem Zweck unterhielt die Attendorner Poststation sieben Pferde und drei Postillione. Der letzte Postwagen fuhr am 31. März 1899 zum Kölner Tor hinaus; danach wurde die Fahrpost an die Eisenbahn angeschlossen.

Bis 1898 befand sich der Postbetrieb im Hause des Bürgermeisters Richard Heim in der Kölner Straße, danach im heutigen "Gasthaus" in der Niedersten Straße. In diesem Hause wurde 1898 mit acht Anschlüssen der Fernsprechbetrieb eröffnet.

Da eine Erweiterung im Postgebäude gegenüber der Kirche nicht möglich war, entschloss man sich zum Ankauf des ehemaligen Besitzes Plange. Dort wurde 1925 mit dem Neubau eines Postgebäudes begonnen.

Durch die Neustrukturierung des Postwesens in den letzten Jahren gab die Post das Gebäude auf. Dies war für die Hansestadt Attendorn die Gelegenheit, im Zuge des Innenstadtentwicklungskonzeptes das gesamte Gelände 2015 zu erwerben, um hier einen sogenannten "Frequenzbringer" für die Innenstadt etablieren zu können. So wurde das Gebäude nun vollständig saniert und einer neuen Nutzung, teilweise in Form eines Gastronomiebetriebes, zugeführt. Gleichzeitig wurde der Vorplatz neu gestaltet.

Fotos: Stadtarchiv Attendorn

Bildbearbeitung: Frey Print + Media Attendorn GmbH

Texte: Otto Höffer, Stadtarchivar Hansestadt Attendorn

Entwurf und Gestaltung: Architekt Mathias Großöhme, Hansestadt Attendorn

Bauausführung: Metallhandwerksbetrieb Geschwinde S+M

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