Hilfsnavigation
Sonntag, 28. Februar 2021
Seiteninhalt

Ennester Tor

In der Hansestadt Attendorn gibt es vier historische Stadtportale. Hier stellen wir das Ennester Tor vor.

Heimat der alten Handwerks- und Kaufmannszweige

Während Wasserstraße und Kölner Straße Hauptstraßen im klassischen Sinne waren, an denen sich in der früheren Geschichte der Stadt die wichtigsten Ge­bäude befanden, haben sich Ennester Straße und Nieder­ste Straße erst im 20. Jahrhundert zu wichtigen Geschäftsstraßen entwickelt.                                                    

So war die Ennester Straße Heimat der alten Handwerks- und Kaufmannszweige. Äußerlich ist dies heute sichtbar am 1854 gegründeten Schuh­haus Hammerschmidt, einem Betrieb, der ursprünglich als Schuhmacherwerkstatt der Familie Hoberg begann.

Historisch gesehen waren die Attendorner Kaufleute in der Nikolauskapelle beheimatet, die schon 1328 an der Stelle der heutigen Nikolai Apotheke erwähnt wird. Die Ennester Straße beherbergt heute zahl­reiche qualitätsvolle Einzelhandelsgeschäfte und Gastronomie.

Wahrzeichen Bieketurm und Pulverturm

Weitaus bekannter sind die öffentlichen Gebäude, die sich im Umkreis der Ennester Straße befinden. Hierzu gehören in erster Linie Bieketurm und Pul­verturm, die einzig erhaltenen Türme der mittelalter­lichen Stadtbefestigung. Der Bieketurm wird heute als Zeughaus der Schützengesellschaft Attendorn genutzt, während der Pulverturm in früheren Jahrhunderten als Gefängnis genutzt wurde und in der Zeit des Ersten Weltkriegs durch das Attendorner Original Ferdinand Bellebaum bekannt wurde, der hier seinen Zichorienkaffee brannte (siehe Bronzetafel am Pulverturm).

Zentraler Platz im Bereich der Ennester Straße ist der Pastoratsplatz mit der vorbildlich restaurierten Fassade des 1786 erbauten Pfarrhauses. Hier ist besonders die rot-weiße Fassung des Fachwerks interessant, die das Haus gegenüber den "normalen" Bürgerhäusern hervorzuheben vermochte.

Seniorencentrum St. Liborius: Ein Stadtbildprägendes Gebäude

Ein stadtbildprägendes Gebäude ist auch das in den Jahren 1984 und 1985 errichtete Seniorencentrum St. Libo­rius auf dem ehemaligen Gelände des Industriebetriebes Kutsch. Die Errichtung des Komplexes in der Innenstadt und nicht, wie es vielerorts auch zu beobachten ist, "draußen auf der grünen Wiese", hat sich als sehr glückliche Lösung für die Bewohner erwiesen.

Der Grundsteinlegung am 16. Oktober 1984 waren schwierige Verhandlungen vorausgegangen, um die Planungen für ursprünglich 69 Altenheimplätze und 36 Plätze für besondere Betreuung sowie für vier Altenwohnun­gen umzusetzen.

Ein Kloster an der Hansastraße

Ein weiterer wichtiger Komplex vor den Mauern des Ennester Tores bildet das 1927 an der benachbarten Hansastraße errichtete Fran­ziskanerkloster. Die Franziskaner haben leider im Juni 1998 die Stadt verlassen; auf dem ehemaligen Klostergelände befindet sich heute einen Seniorenheim.

Am Nordwall befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Ennester Tor ein imposantes Bruchsteingebäude, das 1906 errichtete "Collegium Bernardinum", ein Internat für Jungen in Trägerschaft des Erzbistums Paderborn.

Attendorn ist eine Engelbert-Stadt

Als Erzbischof Engelbert I. von Köln 1222 Attendorn die Stadtrechte verlieh, erlaubte er gleichzeitig, die Stadt neu zu befestigen. Zahlreiche Engelbert-Städte im kurkölnischen Westfalen weisen einen identischen Bauplan auf, der sich im Attendorner Stadtgrundriss von heute seit 800 Jahren widerspiegelt. Attendorn besaß vier Stadttore, die durch eine umlaufende Stadtmauer miteinander verbunden waren. Stadtauswärts war der Mauerring durch einen Wassergraben geschützt.

Der aus diesem Graben ausgeschachtete Boden war zu einem Wall aufgeschichtet worden. Somit war die Stadt durch einen dreifachen Befestigungsring mit Wall, Graben und Mauer gesichert. Als nach dem letzten großen Stadtbrand 1783 die mittelalterlichen Mauern keinen strategischen Schutz mehr boten, begann die Bürgerschaft, das Steinmaterial zum Wiederaufbau ihrer Häuser zu verwenden. Die Reste der einst stolzen Stadtbefestigung wurden 1812 abgetragen. Überreste sind heute nur noch Bieke- und Pulverturm sowie Fragmente des ehemaligen Kölner Tores.

Der Feuerteich und seine Bedeutung 

Bestandteil der Stadtbefestigung war seit dem Mittelalter der zwischen Ennester Tor und Bieketurm liegende Feuerteich. Dieser wurde mit dem Wasser des Biekegangs gespeist. Vom Feuerteich aus wurden die kreisförmig um die Stadt liegenden Wassergräben mit Wasser gefüllt.

Im Brandfall konnten die beiden Grundzapfen des Feuerteichs gezogen werden, sodass das zu Löschzwecken benötigte Wasser über die Bieketurmstraße und die Truchseßgasse in die Stadt geleitet werden konnte. Auf dem abgebildeten Ausschnitt aus dem Stadtgrundriss von 1810 ist die Fließrichtung des Wassers vom Grundablass des Feuerteichs durch die Bieketurmstraße sehr gut zu verfolgen.

In der ältesten noch vorhandenen Feuerlöschordnung der Stadt Attendorn von 1784 wurde festgelegt, wer im Brandfall aktiv werden musste. Hierbei spielten die städtischen Zünfte eine besondere Rolle. So hatten die Schmiede- und Schreinerzunft sich um die Feuerspritze zu kümmern, Feuerleitern und Haken anzulegen und die Dächer zu besteigen; die Mitglieder der Wollweber-, Leineweber-, Metzger-, Krämer- und Schneiderzunft wurden zum Wasserschöpfen eingeteilt; die Schuhmacherzunft hatte die Brandstelle zu räumen; die Mitglieder der Bäckerzunft hatten die geretteten Gegenstände fortzuschaffen und zu bewachen; schließlich hatten diejenigen Bürger, die keiner Zunft angehörten, beim Wassertragen anzupacken.

Die Huckenpote

Das Ennester Tor bestand aus einem Turm an der Außenseite des Stadtgrabens. Dieser Turm enthielt eine Tordurchfahrt, sodass man auf die Brücke kam, die den Stadtgraben überspannte. Ein zweiter Turm, ebenfalls mit Tordurchfahrt versehen, war Bestandteil der Stadtmauer und direkter Zugang zur Ennester Straße.

2016 wurden bei den Bauarbeiten zum Kreisverkehrsplatz Ennester Tor große Teile des mittelalterlichen Ennester Tores aufgedeckt und archäologisch untersucht.

Den Kreisverkehrsplatz vor der früheren Toranlage ziert heute eine Skulpturengruppe, bestehend aus einem Osterkreuz und zwei Fröschen. Im sauerländischen Sprachgebrauch werden Frösche auch als "Hucken" bezeichnet. Als der Feuerteich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur noch ein stehendes Gewässer war, siedelten sich hier gerne Frösche an; deshalb bezeichnen die Attendorner das Ennester Tor auch heute noch als "Huckenpote", woran die Skulpturengruppe im Kreisverkehr erinnern soll.

Der Fahrzeugverkehr hatte keine Chance

Bis zum Zweiten Weltkrieg fiel die Ennester Straße durch ihre kleingliedrige Bauweise auf. Teilweise ragten die Häuser noch meterweit in die Straßenführung, sodass der stets wachsende Fahrzeugverkehr kaum eine Chance hatte, die Straße zu passieren. Um diese Situation zu ändern, wurden ab etwa 1960 zahlreiche Vorkriegsgebäude durch Neubauten ersetzt, was vor allem dem Verkehr entgegenkam. Doch erst durch das Innenstadtentwicklungskonzept bekam die nach wie vor stark frequentierte Ennester Straße eine angemessene Gestaltung.

Bellebaums Traum und eine Tankstelle mitten in der Stadt

Das Bild vom Ennester Tor mit Blick auf den Pulverturm entstand in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Der Pulverturm wurde im 17. Jahrhundert auch als "Diebthurm" bezeichnet. Die historische Eingangstür zum Erdgeschoss des Turmes zeigt noch heute eine kleine Öffnung, durch die man dem Gefangenen das Essen reichen konnte. In den Jahren 1838-1888, als in Attendorn ein Landwehrbataillon stationiert war, wurde der Turm als Munitionslager genutzt; seit dieser Zeit heißt er "Pulverturm".

Die Gaststätte Kost mit der davor liegenden Tankstelle wurde nach dem Zweiten Weltkrieg errichtet. Ursprünglich stand hier das Wohnhaus des Leinewebers Ferdinand Bellebaum. Dieser saß in der Zeit des Ersten Weltkriegs vor dem Pulverturm und röstete in einem drehbaren Fass über offenem Feuer getrocknete Zichorien (gemeine Wegwarte) zu koffeinfreiem Kaffee-Ersatz. Ferdinand Bellebaum galt als Attendorner Original; eine Bronzetafel am Bieketurm erinnert an ihn und seine Kaffeerösterei.

Zum Attendorner Stadtkaffee "Bellebaums Traum".

Der Bieketurm: Gefängnis, Jugendheim und Schützenmuseum

Der Bieketurm ist der größte der beiden noch existierenden mittelalterlichen Stadttüme. Er besteht aus drei begehbaren Geschossen, von denen das Untergeschoss erst seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts einen Außeneingang hat. Im Mittelalter wurde das Untergeschoss als Gefängniszelle genutzt. Dazu konnte man einen Gefangenen durch ein rundes Loch im Fußboden des Mittelgeschosses in das Untergeschoss hinablassen. Es gibt noch ein Schriftstück, mit dem sich ein Gefangener beklagt, dass er an seinen Gliedmaßen Erfrierungen erlitten habe, weil es so erbärmlich kalt im Bieketurm war. Diese Kälte nutzte man im 19. Jahrhundert, als man auf den Teichen der Umgebung Eisblöcke sägte und diese dann in das Untergeschoss des Bieketurms brachte. Dieses Eis behielt seine Konsistenz meistens bis zum Sommer des Jahres, um Metzger und Gastwirte mit Natureis zu versorgen.

1947 pachtete die Katholische Kirchengemeinde den Bieketurm von der Stadt und richtete für die Jugendarbeit im Mittel- und Obergeschoss ein Jugendheim ein. Hierzu wurde eine Außentreppe errichtet, um den Zugang zum Mittelgeschoss zu ermöglichen. Das Jugendheim existierte hier bis Dezember 1984; mit dem Jahre 1985 übernahm die Schützengesellschaft 1222 e.V. den Turm und richtete hier ein Zeughaus mit einem kleinen Schützenmuseum ein. Am 21.04.2004 erwarb die Schützengesellschaft den Bieketurm von der Stadt zum symbolischen Kaufpreis von einem Euro.

Fotos: Stadtarchiv Attendorn

Bildbearbeitung: Frey Print + Media Attendorn GmbH

Texte: Otto Höffer, Stadtarchivar Hansestadt Attendorn 

Entwurf und Gestaltung der Stelen: Architekt Mathias Großöhme, Hansestadt Attendorn

Bauausführung: Metallhandwerksbetrieb Geschwinde S+M 

Kontakt

Otto Höffer »
Telefon: 02722 64-420
Fax: 02722 64-421
E-Mail oder Kontaktformular