Katholisches Pfarrhaus
Uli Goebel, Johannes Höffer, Hermann Hundt:
Beobachtungen bei der Renovierung des Attendorner Pastorats 1985
Schon immer gab das kath. Pastorat am Kirchplatz mit seinem unproportional kleinen, nicht in der Flucht stehenden Anbau Rätsel auf. Kein Baumeister hätte das Domizil des Pastors von Attendorn so geplant – hier spiegelte sich ein Stück Stadtgeschichte wider. Stadtgeschichte, die weiter zurückgehen mußte, als es die Supraporte mit dem barocken Schriftzug „Pastorath 1786“ auswies.
Die Sanierung des Gebäudes im Jahr 1985 gab Gelegenheit, einigen Fragen nachzugehen.
Bei den Arbeiten am Pastorat zeigten sich nach dem Abklopfen des Putzes verschiedene Baunähte an der Nordseite (zum Pfarrheim) und an der Ostseite (zum Pastorats-platz), die über Setzrisse hinausgingen. Unter Verwendung der Stadtpläne von 1810 und 1832 sowie der im Pfarrarchiv liegenden Baubeschreibung von 1848 wagen wir den Versuch, die Baugeschichte des Pastorats hypothetisch nachzuzeichnen. Wir beziehen uns dabei allein auf die Zerstörung durch den Stadtbrand 1783, obgleich das Haus mehrfach, so auch 1742, mit der Stadt abbrannte.
1) Baunähte an der Nordseite (Anbau)
Man erkennt an der Gartenseite in der Giebelfront den Ansatz einer etwa 1,10m starken Außenmauer, die sich vom übrigen Mauerwerk deutlich durch eine breite Baunaht absetzt. Weitere Baunähte auf der anderen Seite der Giebelwand lassen die Schubkraft des Tonnengewölbes erkennen. Man darf vermuten, dass das Gewölbe im ursprünglichen Mauerverband zerstört wurde und damit das Gebäude, vielleicht nach dem Stadtbrand von 1783, verkürzt wurde.
Der Katasterplan von 1832 zeigt die Parzelle der Pfarrkirche mit aufstehendem Pastoratgebäude und das im Norden angrenzende Grundstück der Vikarie SS. Francisci et Clarae und nährt die Vermutung, dass der Pastoratsanbau („Kapitelsaal“) ursprünglich länger gewesen sein könnte; nach dem Grundstückszuschnitt um zwei Achsen.
Tennenpflaster aus der Zeit nach 1783
Neugotische Ausmalung der Hauskapelle
2) Baunähte an der Ostseite (Hauptgebäude und Anbau)
Die Laibungen der rechts vom Haupteingang des Pastorats befindlichen Fenster laufen unterhalb der Fensterbänke weiter und machen deutlich, dass die drei Fenster einmal länger waren.
Das Fenster direkt rechts neben dem Eingang zeigt den Ausbruch des 1848 noch vorhandenen „Spülsteins“ aus Lindlarer Sandstein mit Abfluss nach außen.
Am Anbau erwies sich das dem Hauptgebäude zugewandte Fenster als Tür; das Ende der Frontseite zeigte die Laibung eines weiteren ehemaligen Fensters in der senkrecht verlaufenden Mauerkante.
3) Rekonstruktion des Neubaus von 1786 nach der Baubeschreibung von 1848
Die links vom Eingang liegenden drei Gebäudeachsen beherbergten Pferdeställe (Frontseite) und Kuhställe (Gartenseite) und im „Gebälk“, einem Zwischengeschoss noch unter dem Fachwerkteil, für das Gesinde. Erschlossen war der Wirtschaftsteil von SW her (Kirchenseite). Noch heute bietet der Bau, trotz Verschieferung der Giebelfläche, die typische Ansicht eines westfälischen Bauernhauses des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Wenn man voraussetzt, dass der alte Wirtschaftsteil, der jetzige „Kapitelsaal“, nach dem Brand nur in der heute bekannten Form wieder aufgerichtet wurde, ergab sich also die Notwendigkeit, die Ökonomie neu zu konzipieren. Das ist nach unserer Erkenntnis der links vom Eingang tiefer gelegene Teil des Pastorats.
Der Anbau konnte auch ausgeführt werden, da der Friedhof um die Kirche zu der Zeit aufgelassen wurde.
Die drei Fensterachsen wurden nach der Baubeschreibung von 1848 im Gesindeteil von zwei vierscheibigen Doppelflügelfenstern gebildet. Später hat man wohl die kleinen, übereinanderliegenden Fenster miteinander verbunden und so die neuen größeren Fenster geschaffen. Die drei Fenster rechts vom Eingang wurden verkürzt und damit angeglichen.
Dieser Umbau muss im Zusammenhang gesehen werden mit dem Amtsantritt des rührigen Pfarrers Pielsticker 1848. Da die Pfarrstelle seit 1846 vakant war, wird er wohl angesichts der leeren Ställe schon bald eine Neugestaltung des Hauses unter Aufgabe des Wirtschaftsteils betrieben haben.
4) Rekonstruktion des Baus vor dem Brand 1783
Nach diesen Erkenntnissen war das Hauptgebäude vierachsig und der Eingang vermutlich giebelseitig von der Kirche her. Der angebaute Wirtschaftsteil, später als „Kapitelsaal“ zu Ehren gekommen, beherbergte im Gewölbekeller, siehe die niedrige Rundbogentür, das Vieh. Darüber werden sich die Gesindestuben befunden haben. Um dem Gesinde durch einen eigenen Eingang das Betreten des Hauses zu ermöglichen, war an der Frontseite die jetzt wiederentdeckte Tür mit Treppenzugang von außen. Da das Gebäude vermutlich vierachsig war, konnten neben den Gesindestuben noch die Wintervorräte für das Vieh gelagert werden.
Weil das Pastorat eine andere Fluchtlinie aufweist als der alte Wirtschaftsteil, stellt sich die Frage, ob das Pastoratsgebäude von 1786 einen in der Flucht liegenden Vorgängerbau hatte.
Der ältere Wirtschaftsteil hat ein Eingangsniveau, das ca. 0,50 m unter der Pflasterung liegt. Unter den Archäologen gilt die Faustregel, dass ein Jahrhundert 10 cm Kulturschutt hinterlässt.
Quellen:
Situationsplan der Stadt Attendorn im großherzoglich-hessischen Herzogtum Westfalen, gezeichnet von Funke, 1810 (Stadtarchiv)
Urkatasterplan von Attendorn, aufgenommen 1832 (Kreis Olpe)
Baubeschreibung des Pfarrhauses zu Attendorn von 1848 (PfAA, Akte A 12, S. 257-281)