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Gasthof "Kuckel"

Die Hansestadt Attendorn dankt den Demokraten von 1848/49, die die Stadt weiterentwickelten und zum "Demokratennest" werden ließen. Die Bürgerbewegung wählte den "Kuckel" als Vereinslokal.

Der Heimatforscher Hermann Hundt berichtet:

Zum Begriff "Kneipe"

Neben der Gaststätte "Rauch" gibt es in Attendorn noch einen zweiten gastronomischen Betrieb mit einer ganz alten, dabei ganz besonderen Tradition. Es geht um den "Kuckel", die Kneipe am Kleinen Markt.

Was ist denn eigentlich eine Kneipe? Vorweg: Nichts Negatives! Das Wort kam Ende des 18. Jahrhunderts auf als "Kneipschenke" und wurde verkürzt zu "Kneipe". Das im Mitteldeutschen belegte Wort "kneipen" bedeutet so viel wie zusammenrücken. Das waren dann besondere Wirtshäuser, in den Städten oft von Studenten besucht, auf dem Lande von jungen Männern. Später erst durften auch junge Frauen dort zu Gast sein. Typisch für eine Kneipe ist der Ausschank von Fassbier am Tresen, im Gastraum befinden sich weitere Stühle und Tische.

Im 19. Jahrhundert hatte die Kneipe eine wichtige Funktion als Ort der Begegnung und politischen Meinungsbildung, vor allem während der demokratischen Findungsphase und der Zeit der Einschränkungen durch das Sozialistengesetz. Die kleinen Wohnhäuser und Wohnungen, dazu der reiche Kindersegen machten es fast unmöglich, Treffen politischer Art zu Hause abzuhalten. Da inzwischen fast alle Kneipen auch ein Speiseangebot reichen, ist die Grenze zum Restaurant heute meist fließend. So auch beim Kuckel, der als Gaststätte geführt wird.

Zur Geschichte des Kuckel

Fassbar wird die Geschichte dieses Hauses erst mit dem Wiederaufbau nach dem Brand von 1783. Im Jahre 1784 (Anmerkung (1): Daten nach dem Häuserbuchfragment von Julius Pickert.) wird der Bäcker Wilhelm Herschede als Besitzer genannt und nach dessen Tod 1814 übernimmt sein Sohn, der Schenkwirt und Bäcker Laurenz Herschede den Besitz. Auf der Internet-Präsentation des Kuckels wird daher als Gründungsjahr der Wirtschaft das Jahr 1784 genannt. Als Laurenz Herschede 1844 stirbt, verlässt die Witwe Anna, geb. Isphording, Attendorn und wandert mit ihren neun Kindern nach Amerika aus.

Haus und Wirtschaft erwirbt ein Sohn des Schwagers des gestorbenen Laurenz Herschede namens Franz Bieker. Dieser führt die Wirtschaft weiter bis zu seinem Tod im Jahre 1884. Danach über- nimmt dessen Schwiegersohn Karl Schnütgen und in dessen Nachfolge Heinrich Schnütgen. 1910 kauft Joseph Heupel das Haus und 1927 wird sein Sohn Willi Heupel Besitzer. Es fällt dabei auf, dass der Name "Kuckel" sowohl das Haus, bzw. die Wirtschaft, bezeichnet, als auch Beiname des jeweiligen Wirtes ist. Willi Heupel, der Kuckel, war mir noch persönlich bekannt; seine Tochter Gitti war mit Karl-Heinz Beul ("Stacho"/Familie Beulco) verheiratet.

Wie der Beiname "Kuckel" zu deuten ist, wann er entstanden ist, woher er kommt, konnte auch Julius Pickert "trotz allen Forschens" nicht ergründen. Der Beiname ist wohl nur mündlich überliefert und taucht geschrieben nicht auf. Hingegen ist etwa das Grundstück des Gasthofs "Ritter", Kölner Straße, im Handriss zum Urkataster (1832) mit dem Vermerk gekennzeichnet "Neukirch, Joseph sen. gt. Ritter". Ähnliches ist bei der Parzelle des Kuckels nicht zu finden. Vielleicht deutet das auf ein Entstehen des Beinamens erst nach dem Aufmaß des Urkatasters hin.

Beim Versuch, das Wort "Kuckel" zu deuten, bin ich schließlich auf das Rheinische Wörterbuch gestoßen. Der Kreis Olpe liegt nicht weit entfernt vom Rheinland und grenzt im Bereich Drolshagen sogar direkt an. Dieses großartige Werk sammelt die vom Volk gesprochene Spache in der ehemaligen preußischen Rheinprovinz. Erschienen ist es in den Jahren 1923 – 1927 und 1971.

Ich erfahre, dass, notiert für die Bereiche Wuppertal und Mettmann, das Wort "Kuckel" in der Sprache des Volkes nicht unbekannt war. So war der Kuckel in der Kindersprache ein Synonym für Gockel und zum anderen bezeichnete es Personen, die ein übertrieben hoch gekämmtes Stirnhaar trugen, analog zum Hahnenkamm. Wenn man jetzt weiß, dass auch der Name Schnütgen ursprünglich aus dem rheinischen Dialekt stammt, ist es vorstellbar, dass die Benennung "Kuckel" Ende des 19. Jahrhunderts in Attendorn ihren Anfang nahm. Eine Hypothese, mehr nicht.

Der "Kuckel" als Hort der Demokratie

Attendorn gilt für die Jahre um 1848 als ein Herzstück demokratischen Aufbegehrens im Sauerland und in der preußischen Provinz Westfalen. Damals entstand der Negativ-Begriff "Demokratennest", ein Schimpfwort, das heute als Ruhmesblatt der Stadtgeschichte begriffen wird. Zuletzt hat Dieter Pfau in der Chronik zum 200-jährigen Jubiläums des Kreises Olpe darüber berichtet (Anmerkung (2): Pfau, Dieter: 200 Jahre Geschichte des Kreises Olpe 1817 – 2017. Olpe 2017.3).

Das erste Treffen der meist jungen Attendorner Demokraten fand statt in der Wirtschaft von Joseph Hundt, heute (2025) Hotel zur Post. Die Versammelten trugen einen Zylinder, der Präsident einen Schäferhut. Im Mittelpunkt stand vor allem ein Schneider Sommer, der in Paris gewesen war und dort manches gesehen und erlebt hatte. Nur vergaßen viele Teilnehmer aber das Bezahlen und der Wirt war nicht wenig erzürnt.

Danach wählte man den "Kuckel" mit dem Wirt Franz Bieker als Treffpunkt. Nach der Vereinsgründung wurden fast jedes Wochenende große Versammlungen abgehalten. Die neu gegründete demokratische Zeitung "Attendorner Blätter", im Stadtarchiv erhalten, informiert uns noch heute, was damals passierte. So wurde als Gedenkfeier zum 18. März 1848 (Anmerkung (3): Stichwort "Barrikadenaufstand": Am 18. März 1848 war der Ausbruch der bürgerlichen Revolution in Berlin, der als gewalttätiger Schritt den Weg zur Demokratie markierte. Es war DAS zentrale Ereignis der deutschen Freiheits- und Nationalbewegung.) im Folgejahr ein großes Treffen abgehalten. Die Zeitung berichtet:

Ein schöneres Fest, eine erhabenere Feier als wir gestern zu beobachten die Gelegenheit hatten, hat hier wohl noch nicht stattgefunden; der 18. März, der in Preußen dem Rechte des Volkes, der Freiheit der Nation, die Bahn brach, ist vom hiesigen demokratischen Verein in würdiger Weise gefeiert.Um 12 Uhr mittags entflaggte den Fenstern des Vereinslokals die Vereinsfahne, und in demselben Augenblicke wurde sie durch den Donner der Böller begrüßt. -- Gegen 5 Uhr nachmittags wurde die Eröffnung der Generalversammlung des Vereins durch mehrere Salven verkündet; der Feier des Tages würdige Reden setzten seine Bedeutung auseinander. 

Doch der Glanzpunkt des Festes entwickelte sich erst am Abende beim Beginn des für die Vereins-mitglieder veranstalteten Abendessens, welchem 115 Mitglieder beiwohnten. Das Vereinslokal war prachtvoll illuminiert; sinnvolle Transparente deuteten dem Publikum an, von welchem Geiste, von welcher Idee diejenigen erfüllt seien, welche zur Feier des Tages sich versammelt hatten.
Den Haupteffekt machte unstreitig der eine Transparent, wo die Göttin der Freiheit, liegend auf dem Erdballe allen Völkern zurief: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". Ein anderer Transparent zeigte die mit Eichen- und Lorbeerkränzen umschweiften Worte: "Den für die Freiheit, für die Rechte des Volkes Leidenden." Der dritte Transparent galt den im Friedrichshain Ruhenden, mit den Worten: "Unsern am 18. und 19. März 1848 in Berlin gefallenen Brüdern."

Bei der Feier wirkte der hiesige Musikchor mit.

Wir erinnern uns 175 Jahre später

In Erinnerung an diese Ereignisse hat sich ein Arbeitskreis Interessierter gebildet, der bei der Stadtverwaltung Attendorn angesiedelt ist. Der Arbeitskreis organisierte für den 18. März 2024 einen Aktionstag, an dem nach so langen Jahren am gleichen Ort und zum gleichenThema dieser Ergeignisse gedacht wurde. Der Begrüßung durch den stellvertreteneden Bürgermeister Uli Selter vor dem Rathaus folgte eine Stadtführung mit dem Schwerpunk "Attendorner Demokratiegeschichte". Peter Höffer führte die Teilnehmer danach zum Bürgerhaus Alter Bahnhof, wo Gregor Kaiser, MdL, vor vollem Haus zur Demokratiegeschichte referierte. Daran an schloss sich eine Diskussion mit Vertretern der Bürger-schaft. Den gemütlichen Ausklang im Kuckel prägten demokratische Lieder der Jahre 1848/49, vorgetragen von der Musikschule Attendorn.

Zur Erinnerung wurde eine kleine Medaille geprägt, die an das "Demokratennest Attendorn 1848/49" erinnert und mit den Leitgedanken "Einigkeit und Recht und Freiheit" sowie der Devise der Französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" auf Kernelemente der Demokratie hinweist.

Schlussbemerkungen

In der Stadt Attendorn gibt es einige Betriebe, Handwerker oder Einzelhändler, die schon vielen Generationen unserer Vorfahren ihre Dienste angeboten haben. Als erstes fällt mir da der Webstuhl der Familie Brake ein, der die Jahreszahl 1727 trägt und damit eine lange Familientradition (1) bezeugt.

Anmerkung (4): Zum Namen Brake fand ich noch das Folgende: Dr. K. Linnertz verfasste ein Handbuch zum Thema "Unsere Familiennamen. Zehntausend Berufsnamen im ABC erklärt", das 1940 in zweiter Auflage im Dümmler-Verlag, Bonn und Berlin, erschien. Dort lesen wir unter dem Stichwort "Braker": Flachsbrecher, zu nd. braken, englisch to brake, Flachs, Hanf brechen; ndl. vlaasbraak, Flachsbreche; vgl. Brechenmacher. Offensichtlich waren der Beruf des Leinewebers und des zuarbeitenden Flachsbrechers schon beim Entstehen der Hausnamen im Mittelalter in der Familie Brake heimisch, ja sogar namengebend. Die Familie Brake scheint im 18. Jahrhundert in Attendorn ansässig geworden sein.

Seit 1950 ist er ein Ausstellungsstück im Museum, in direkter Nachbarschaft zu dem Wäschehaus. - Im Siebenjährigen Krieg war Attendorn von den Franzosen besetzt und deren Anführer, der Prinz von Soubise, logierte 1759 im Rauch. So hat es Brunabend 1878 überliefert.- Auch die Löwen-Apotheke steht da nicht nach. Am 27.02.1792 erteilte Kurfürst Max Franz von Köln das kurfürstliche Privileg zur Errichtung einer Apotheke und immer noch wird sie von der Familie mit Erfolg am gleichen Standort betrieben.Der Blechschläger Anton Bischoff fertigte 1808 die "Lüchte" der Kölner Poorte und weiterhin bieten seine Nachkommen, inzwischen in achter Generation, ihre Dienste an, heute für den Bereich Heizung und Sanitär. Ich hoffe, jetzt keinen der ganz alten Betriebe vergessen zu haben, die teilweise schon vor dem verheerenden Stadtbrand 1783 existiert haben. Dieser Brand war ein Wendepunkt in der Stadtgeschichte. Vieles wurde zerstört, vieles erwuchs neu.

Alle Stationen des Stadtrundgangs auf einen Blick