"Geist ist Geil!"
Neue Ethik für die Wirtschaft ist nötig
Benediktinermönch Alt-Abt Dr. Odilo Lechner löste am 23. September bei den rund 300 interessierten Zuhörern mit seinen Ausführungen zur 1500 Jahre alten Klosterregel Nachdenklichkeit aus.
Insidergeschäfte, Bilanzmanipulationen, Kursbetrügereien und Massenentlassungen. Unsere Welt ist durch Globalisierung, Deregulierung und Liberalisierung offensichtlich aus den Fugen geraten. Die Wirtschaft scheint nur noch auf Kosten anderer zu florieren. Der Ruf nach einer Ethik für die Wirtschaft wird daher immer lauter. Doch schließen sich unternehmerische Gewinnorientierung und gesamtgesellschaftliche Verantwortung nicht aus? Können es sich die Unternehmen leisten, moralisch zu handeln, wenn sie zugleich Profit machen müssen? Welche Werte sollen Gültigkeit haben? Wer legt sie fest?
Auf diese Fragen einer moralischen Neuorientierung der Wirtschaft versuchte das dritte Attendorner Wirtschaftsgespräch eine Antwort zu geben. Eingeladen war hierzu Alt-Abt Dr. Odilo Lechner. Knapp 40 Jahre lang leitete der Philosoph und Theologe die Benediktinerklöster St. Bonifaz in München und Andechs, der für viele Menschen die Verkörperung des modernen benediktinischen Mönchs ist.
"Geist ist Geil" - so proklamierte der Abt in Abwandlung des bekannten Werbeslogans einer großen Elektrohandelskette eine neue Ethik in der Wirtschaft. Dabei bezog er sich auf die 1500 Jahre alte Klosterregel des heiligen Benedikt, um Impulse für die heute globalisierte Welt zu geben.
In seinem Beitrag über den Klosteralltag und die Benediktregel, deren 73 Kapitel den Benediktinermönchen als Grundlage ihres Lebens dienen, zog Lechner immer wieder Parallelen zu aktuellen Unternehmensstrukturen.
"Die Regel könnte durchaus als Modell für die Wirtschaft gelten", stellte Lechner fest und ergänzte beispielhaft: "Wenn ein Mönch von dem ihm vorstehenden Abt etwas Sinnloses verlangt, sollte dieser nicht verächtlich, sondern vernünftig und demütig reagieren - wie auch der Unternehmer gegenüber seinem Angestellten." Schließlich habe die "gemeinschaftsbildende Kraft" der Regula benedicti schon seit dem 6. Jahrhundert bleibende Geltung.
Aus der benediktinischen Friedensordnung könnten Rücksichtnahme und Ehrfurcht gelernt werden. Eine andere Regel über Beständigkeit und Stabilität gelte gerade in einer globalisierten Welt. „Kontinuität gibt Sicherheit und Halt. Und das brauchen wir in der Veränderung der Gesellschaft. Je schneller wir uns bewegen, desto wichtiger ist ein fester Halt in unserem Leben.“
Ein anderer Schwerpunkt des Vortrags war das Thema "Stärken und Schwächen". "Ein Unternehmen ist eine Gemeinschaft von Menschen mit Stärken und Schwächen", so der Abt, es diene dem Unternehmen, wenn jeder seinen Eigenarten hat: sowohl Stärken als auch Schwächen. Leistung dürfe nicht zum einzigen Wertmaßstab werden. Allerdings sei es für die Unternehmen eine große Herausforderung, eine ausgewogene Balance zwischen der Sicherung des Fortbestandes des Betriebes einerseits und der sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern andererseits zu finden. Deshalb brauche man „Ideen, Geist, Phantasie und Hoffnung“, um auch in der heutigen Zeit noch ein ethisches Grundprinzip im Unternehmertum bewahren zu können.
Die Nachdenklichkeit, die Alt-Abt Dr. Odilo Lechner mit seinem Vortrag auslöste, war in der Stadthalle greifbar. Das zeigten auch die inspirierenden Diskussionen im Anschluß an die Veranstaltung, zu denen viele Besucher noch lange verweilten.
Stichworte von Dr. Odilo Lechner zu seinem Vortrag finden Sie hier:
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